-
Bevor ich selbst Vater wurde verstand ich meine Schwester nicht. Nicht jetzt komplett nicht, aber in einer Ansicht konnte ich ihr nicht folgen. Und zwar dann, wenn ich sie wieder einmal im Harrypotterland besuchte und Zeit mit ihren Kindern verbrachte. Wer mich kennt, der weiss, dass ich gerne viel fotografisch festhalte. So knipste ich auch viele Bilder mit meinem iPhone und einer Kamera während meinen Besuchen bei meiner Schwester. Da sie auch mich kennt, bat sie mich gleich von Anfang an darum, bitte keine Fotos ihrer Kinder auf Facebook oder sonstwo im Internet zu posten. Natürlich folgte ich ihrer Bitte, versuchte es ab und zu mit lieb fragen, wenn mir ein ganz tolles Foto mit ihren Kindern gelungen war (welches mich stolz machte) – doch meine Schwester blieb stur.
Letztes Jahr wurde ich nun selbst Papa und bin seit der Geburt unserer Tochter hin und weg von der Natur, die einfach einen Mensch entstehen lässt und mit uns Eltern eine Million Dinge anstellt. Natürlich schrieb ich einen Blogpost mit dem Hinweis, dass wir nun glückliche Eltern einer Tochter wurden. Verteilt über Twitter und Facebook dauerte es auch keine Sekunde, bis die erste Forderung «Foto!?» kam. Gerade Herr Selbstdarsteller @dworni von Twitter würde es doch kaum auslassen, mit seiner neuen Tochter im Internet anzugeben?
Ein Jahr später: niemand findet auch nur ein einziges Foto unserer Tochter im Internet. Vielleicht mal ein kleiner Fuss oder ein Foto von hinten, nichts Konkretes. Oft wurden wir gefragt, warum wir denn keine Fotos unseres Kindes veröffentlichen würden. Andere täten dies ja fast täglich (begonnen mit einem blutverschmierten Foto direkt aus dem Kreissaal). Die Antwort ist ganz einfach:
wir wissen es selbst nicht so genau. Vielleicht ist es eine Art Instinkt, vielleicht möchten wir unsere Tochter zuerst fragen, ob sie das möchte, sobald sie einschätzen kann was es bedeutet, dass ein Foto von ihr im Internet verewigt ist. Wir wissen nicht genau, warum wir es so machen. Aber wir wissen von tiefstem Herzen, dass es für uns so im Moment das Richtige ist. Und wir bekommen auch immer wieder aus heiterem Himmel Komplimente genau dafür, dass wir es eben nicht tun. Vielleicht gibt es ja dafür in ein zwei Jahren ein Buzzword. Denkt euch was aus.
Update: interessante Links zum Thema
Why You Won’t See My Child On Facebook
Kinderfotos auf Social Media -
Meine Twitterer des Jahres 2012: @Prunio und @Souslik
Manchmal ist es so, dass man sich exakt um ein Jahr vertun kann. Hätte ich mich letztes Jahr besser konzentriert gehabt, wäre das alles nicht passiert (das war Plusquamperfekt, glaub ich). Vielleicht war es aber auch einfach so, dass sich zu viele für die Nominierung meines «Twitterer des Jahres 2011» geeignet hätten. Wie dem auch sei, ich möchte euch hier meine beiden Gewinner des diesjährigen Titels «Gold Master Twitterer und Social Media Aficionados 2012» in der Kategorie «Private Online Twitter Performance Branding Efficiency» vorstellen: @Prunio & @Souslik!
Gewinnbenachrichtigung
Die beiden Herren sind gewaltig. Nicht in ihrer Grösse, nein. Die beiden sind ja eher kleinwüchsig geraten (im Vergleich zu mir, hehe). Aber gewaltig darin, was sie taten und tun. Unterdessen führen die beiden Herren wohl über 1000 verschiedene Blogs und Microsites, bekannt sind bis heute zum Beispiel der Blog ihrer genialen #RLtour www.rltour.com oder ihr Online-Magazin pruslik.com. Followermässig ziehen die beiden gepflegten Purschten ziemlich ab und brachen sämtliche Rekorde: @souslik zählt heute bereits deren 5697, @Prunio bringt es dank ein paar polnischen Linkfarmen sogar auf 7196 Follower. Das ist tatsächlich eine grandiose Tellerwäscher-Karriere der beiden. Beispiele gefällig? Geht doch auf Favstar: favstar.fm/users/prunio oder favstar.fm/users/souslik.Ich hatte das unglaubliche Vergnügen die beiden Herren zu einem Interview zu bewegen. Also wir standen vorwiegend. Bis zum Schluss. Doch lest selbst:
Interview mit @Prunio & @Souslik zur Auszeichnung GMT und SMA 2012
Es ist ein verregneter Sonntag im Dezember. Die Sonne scheint grell vom Himmel und weit und breit ist keine Wolke zu sehen. Ich tappe seit über einer Stunde durch ein vereistes Skigebiet in den elsässischen Nordalpen. Der Skilift gibt ein beständiges Surren von sich und immer wieder dieses —RRRRRATTTATATATA— wenn eine Kabine über den Mast in meiner Nähe rattert. Eine Krähe kämpft mit einem verlorenen Handschuh, während ich im Tiefschnee zwei grellgekleidete Gestalten erblicke die auf mich zurasen. Mit einer leicht übertriebenen Vollbremsung werde ich eingepulvert, der Geruch von Zwetschgenschnaps und Fondue steigt mir in die Nase. Die beiden Herren stehen nun in voller Snowboard-Montur vor mir, während ich in meinem ehemals schwarzen Anzug grausam friere. Wir tauschen ein paar oberflächliche Höflichkeiten aus und singen kurz die Nationalhymne von Polen, bevor ich mein iPad zücke und meine Fragen stelle:Hallo. Wer von euch ist wer? Könnt ihr vielleicht kurz anhand eurer äusseren textilen Erkennungsmerkmale Tipps geben, wie ich euch auseinander halten kann?
Prunio: Es ist in der Tat nicht ganz einfach, uns auseinander zu halten. Nachdem sich auch Souslik einen Schmetterling auf den Hintern tätowieren liess, unterscheidet uns nur noch die Länge des…
Dworni: Jesses!
Prunio: …Fussabstandes auf unseren Snowboards.
Ihr erhaltet dieses Jahr beide von mir die Auszeichnung «Gold Master Twitterer (—RRRRRATTTATATATA—) 2012» in der Kategorie «Private Online Twitter Performance Branding Efficiency». Was bedeutet euch dieser Preis?
Souslik: Wir… nun… (bricht in Tränen aus) … es ist unbeschreiblich. Jeder Twitterer lügt, wenn er sagt, dass er nicht davon träumt, eines Tages den «Gold Master Twitter und Social Media Aficionados 2012» zu holen. Das wir das nun bereits in so jungen Jahren mit gelogenen 21 geschafft haben ist einfach… also… (fällt heulend zu Boden)
Okay, das reicht. (Souslik steht wieder auf und klopft sich den Schnee von Knie). Nächste Frage: wenn ihr nochmals eure Twitter-Accounts neu aufsetzen könntet, was würdet ihr anders machen?
Prunio: Ich würde auf Rätoromanisch twittern, im Sursilvaner Idiom. Das versteht kaum einer und mir blieben viele dämliche Replies erspart.
Oh, sehr schöne Wa (—RRRRRATTTATATATA—) ber Prunio, laut einem hartnäckigen Gerücht habt ihr beide seit eurer #RL-Tour 2011 eine beachtliche Anzahl
Liebhaberinnenweiblicher Follower in der Bundesrepublik Deutschland. Wieviel Wahrheit steckt (hihi) dahinter?Prunio: Da ist schon was dran. Aber wir waren ja nicht nur in Deutschland unterwegs. Und ausserdem sind unter unseren Followern nicht nur Frauen. Übrigens, der süsseste Mann lebt definitiv in Graz.
Mal eine ganz andere Frage: wann hattet ihr zum letzten Mal Sex?
Souslik: In Graz.
Dworni: Oh…
Prunio: Und ich hoffe nicht, dass ich mein letztes Mal Sex schon hatte.
Souslik: Das mag jetzt viele Leser erstaunen aber wir (—RRRRRATTTATATATA—) und davon gibt es im Internet sogar ein Video.
Okeeey, anders gefragt: in welchen Momenten fühlt ihr euch am glücklichsten? Oder noch anders gefragt: mögt ihr Nutella?
Souslik: Nutella ist neben Katzenbildern, Favstar und Peter Breuer einer der vier Grundpfeiler von Twitter. Die Identifikation mit diesem subkulturellen Unterbau ist für einen medienadäquaten Zugang zu neuen Gesellschaftsformen speziell in geografisch dispersen und fakultativen Öffentlichkeiten absolut imperativ. Oder anders gesagt: Nutella schmeckt schon echt lecker.
Danke für diese Richtigstellung. Nutella hat ja hierzulande auch mitunter einen nuttigen Ruf. Nun zu einem ernsthafteren Thema: zur Zeit ist ein tragischer Trend bei den jungen Damen zu verzeichnen, dass sie sich im Pausenhof und in der Discothek der Schnappatmung bedienen. Was haltet ihr von diesem nicht ungefährlichen Trend?
Prunio: Ich stehe dem, respektive denen, gelassen gegenüber.
Souslik: Und doch ist es tragisch. Diese jungen Mädchen wurden als Kinder von Schnappi sozialisiert und schaffen es heute nicht, aus ihren tiefenpsychologischen Mustern auszubrechen. Auf der anderen Seite darf man nicht vorschnell die Moralkeule schwingen. Ich war früher selber oft eingeschnappt.
Oh, das tut mir aber leid. Verstehe. Besten Dank für das Interview. Nun, ich mö (—RRRRRATTTATATATA—) lle darauf eingehen, dass ihr hier noch Grüsse an eure Follower richten könnt. Bitteschön.
Souslik: Herzliche Grüsse… (irgendwo in der Ferne bellt ein Hund)
Prunio: Ich m (—RRRRRATTTATATATA—) ssen.
Ich bitte die beiden bis oben vermummten Elite-Twitterer noch für ein Abschiedsfotos zu posieren. Die Stelle, an der wir stehen ist so glatt, dass die Beiden nach ein paar ungelenken Bewegungen aufeinanderfallen und unverständliche Grunzlaute von sich geben. Ich drücke ab, verabschiede mich ebenfalls mit einem Grunzen und rutsche auf meinen Holzskieren runter zur Bergstation. Irgendwie verdammt cool die Beiden. Und doch freundlich geblieben. Obwohl sie längst nicht mehr Teller waschen. Favstars halt.
-
Nichtzeitungsleser.
Vor gefühlten hundert Jahren schrieb ich darüber, wie sehr mir das Papier-Zeitungsformat missfällt. Kommentiert haben Einige und mit recht auch vermerkt, dass ich genau die Zielgruppe sei, die Zeitungsverlage längst verloren haben: die Nichtzeitungsleser.
Das mag vielleicht dumm klingen: aber warum zum Kuckuck sollen sich Zeitungsverlage um mich kümmern, wenn ich doch eh keine Zeitung lese? Aus einem ganz einfachen Grund: mehr Leser, mehr Abos, mehr Geld, geilere Weihnachtsessen, Lohnerhöhungen und Einträge bei Wikipedia. Und vielleicht auch ein Bischen Weltherrschaft. Und erhaltene Kultur und Arbeitsstellen, Berufe und Talente.
Richard Gutjahr schrieb darüber, worüber Peter Hogenkamp bereits schrieb und schlussendlich auch die liebe Zeit: was denn genau Zeitungen im Jahr 2012 falsch und richtig machen. In den Artikeln geht es um die Verlage, übers Bezahlen der Nachrichten und Artikel, kaum aber über den Leser und seine Bedürfnisse selbst.
Wäre ich Inhaber der Zeitung «@dworni News Line» wäre ich leicht nervös geworden, als die Post letzten November das Format MyNewspaper lancierte. Die Grundidee ist genial und zeitgemäss, die Umsetzung und die Bedienbarkeit gingen aber ziemlich in die Hose. Ich hätte sofort eine Horde Programmierer angeheuert (vielleicht mit einem lustigen Open Data Day «Ideen gesammelt») und somit das Zeitungsformat der Gegenwart für meine @dworni-Zeitung innert
2 Monaten6 Monaten fertiggestellt. Keine Abos von ganzen Zeitungsformaten, sondern eine individuell zusammenklickbare Zeitung. Geliefert via iOS App aufs iPad und iPhone, via Weblogin im Browser. Abos werden nach Anzahl abonnierten Themen berechnet. Ich möchte wirklich nicht den Sportteil mitbezahlen, der interessiert mich überhaupt nicht.Bei Zeitungen ging es nie ums Papier. Es war nur dazu da, um die Nachrichten transportierbar und lesbar festzuhalten (zu Thema Haptik hat Peter Hogenkamp da eine Folie). Wer heute ein iPad hat, möchte seine Zeitung darauf lesen. Ich würde also auch an Bahnhöfen WiFi-Netze namens «@dworni News Line - jetzt laden» aufschalten und so Zeitungen digital verkaufen. Vielleicht führte ich sogar die erste Zeitung, welche gar nie gedruckt würde. Vielleicht hätte ich auch nie Redaktionsschluss deswegen und wäre immer laufend aktuell.
Vielleicht würde ich auf der Website auch nicht wie die NZZ zig verschiedene Abo-Lösungen für Web-Paper und e-Paper anbieten und separate Abos für die NZZ Am Sonntag zusätzlich verkaufen wollen. Wahrscheinlich wäre in meinem Header online auch direkt ein grosser Button um die neuste Ausgabe zu laden (und nicht irgendwo ein klitzekleiner Link in 11 px Schriftgrösse wie beim Bund / tamedia). Die Möglichkeit bestünde sogar, dass ich gar keine unpraktische Nachbildung der Papierzeitung namens «e-Paper» führen würde, weil dieses Format schlichtweg ungegeignet für das digitale Lesen ist.
Liebe Zeitungen,
es ist nicht so, dass wir euch nicht lesen möchten. Es ist auch nicht so, dass wir finden, 20minuten reiche uns ja. Es ist uns auch nicht Wurscht, ob die Texte gut oder voll Fehler sind. Wir möchten Qualität, die beste sogar. Und wir möchten nur für Lesefutter zahlen, welches uns auch interessiert. Wir möchten uns auch gerne weitere interessante Artikel verkaufen lassen, welche uns vielleicht noch interessieren könnten. Beispiele, wie ihr uns die Themen und Artikel am besten präsentiert, damit wir die dann auch kaufen möchten, gibt es genug. Viele haben einen Apfel drauf.
Wartet doch nicht darauf, dass irgend ein Startup euch den Garaus macht. Rettet eure Redaktion. Nicht nur eure Stars, sondern auch die, welche in den Nischen so gut sind. Denn in Zukunft werdet nicht ihr in der Redaktionssitzung bestimmen, was denn uns interessiert. Sondern wir bestimmen, was wir lesen möchten. Doch bitte, herrgottnochmal, verkauft uns das so, dass wir es auch kaufen können und möchten. A touch ahead.
Besten Dank,
euer (immer noch) NichzeitungsleserDavid
Update: @phwampfler schrieb weitere Gedanken zu diesem Post auf seinem Blog. Lesenswert. Zudem schrieb @SaschaLobo auch über die Nachrichtenkriese auf SPON. Weiter empfahl mir @bugsierer in den Kommentaren die düsterste Sicht von Herrn Messmer aus Indien.
-
R.I.P. DailyBooth
Da DailyBooth Ende Jahr die Löffel abgibt, hier alle meine Peinlichkeiten von 2009 bis 2012 im Zeitraffer. Die Einen rafft die Zeit dahin, die anderen sehen immer besser aus.