



Permalink
Blaues Wunder
Ich fasse es nicht. Den ganzen Tag irrte ich in der Stadt umher und jetzt merke ich, dass ich genau das Wichtigste vergessen habe. Ein Geschenk für Anna. Panik ergreift mich, spätestens um 19 Uhr muss ich am Flughafen sein um sie abzuholen.
Nein nein, vergiss es. Nicht dort. Frauen merken sowas blind. “Oh, hübsch, ein Schal. Hast du den vom Flughafen?”
Hastig ziehe ich meinen Mantel wieder an, lösche das Licht und eile die Treppe hinunter. Mist, die Schlüssel vergessen. Wieder rauf. Aber natürlich habe ich ihn bereits in der Manteltasche.
Draussen ist es eisig kalt und rutschig. Vor ein paar Tagen hat es geschneit. Doch übriggeblieben sind nur ein paar verwehte Puderzuckerflecken.
Ich eile die dämmrige Strasse hinunter, Richtung Kristoffelplatz. Es ist knapp vor halb Sieben, gleich schliessen die Läden. Ich beginne zu rennen. Bissige Kälte weht mir um den Hals und ich stelle den Mantelkragen hoch.
Hier vorne links, am Restaurant vorbei, dann quer über den Stadtpark und gleich dahinter müsste dieser Bücherladen sein. Ich überquere die Strasse, fluchend weicht mir ein lautloser Fahrradkurier aus. “Fröhliche Weihnachten!” keuche ich ihm hinterher.
Vorbei am Restaurant Frohsinn. Es ist dunkel, an der Türe ein Schild ”Wir sind ab die 2. Januar fur sie wider offen”. Scheinwerfer blenden mich, ich warte bis das Taxi an mir vorbei ist, renne über die Strasse und biege in den Park ein. In der Mitte steht ein Springbrunnen aber irgendwie scheint das Licht defekt zu sein. Wahrscheinlich ohne Wasser sowieso halb so spektakulär, denke ich und eile weiter.
Auf einer Parkbank sitzt ein Obdachloser und schaukelt hin und her. Ich wechsle auf die andere Seite des Platzes. Man weiss ja nie.
Als ich aus der Parkallee heraustrete, stehe ich vor einer menschenleeren Gasse. Verflucht, wo ist nur dieser Bücherladen. Ich wechsle aufs Trottoir hinüber. Links oder rechts?
Ich entscheide mich für rechts, biege um die Ecke und erstarre. Geschlossen. Dieser verfluchte Bücherladen hat bereits geschlossen! Kein Wunder gehen die ein und online immer mehr auf! Schliessen die einfach um 16 Uhr!
Ich drehe mich um. Leere. Nicht schon wieder kein Geschenk. Es ist zum verzweifeln. Langsam kehre ich um. Tauche wieder in die Dunkelheit des Parkes ein. In der Ferne höre ich einen Krankenwagen. Sonst ist es totenstill.
Der Park ist leer. Obwohl mir kalt ist setze ich mich auf die Bank. “Ping!” - mein iPhone. “Hey lande in 40 min, bis bald, Anna”.
Ich lehne mich zurück, lege den Kopf in den Nacken und schaue zwischen den Bäumen zum Himmel hinauf. Ein grauoranger Fleck. Das Licht der Strassenlampen wirft sich grell in das Wirrwarr von Ästen. Da flattert kurz eine Taube mit den Flügeln und erstarrt aber sofort wieder zu einem unscheinbaren Fleck im Geäst.
Warum sitze ich hier? Ich müsste längst unterwegs zum Flughafen sein. Langsam stehe ich auf und gehe weiter. Doch etwas lässt mich stutzen. Da stimmt was nicht. Ich drehe mich um. Auf der Bank hinter mir, genau da wo ich gesessen habe liegt ein blau schimmernder Gegenstand. Das müsste ich doch gespürt haben? Ich trete näher zur Bank. Über mir flattert die Taube davon. Vor mir liegt ein Buch.
Permalink
Das Rätsel der hinteren Matte
Da lag nun die Leiche, mit dem Kopf im Kuhmist. Bauer Willener hatte schon den ganzen Tag über das Gefühl gehabt, sein Vieh sei aufgeregter als sonst.
Bis die Polizei kam würde er erst mal seine Pfeife stopfen und den Fall zu lösen versuchen, so wie es Matula tat. Die Leiche war der junge Hänni aus dem Nachbardorf. Früher hatte er öfter mit seinem Vater im Löwen gejasst. Bei dessen Beerdigung hatte er den jungen Hänni das letzte mal gesehen. So viel er wusste, hiess der junge Hänni mit Vornamen Reto. Seine Frau meinte zwar, es sei René, aber seine Frau meinte viel wenn der Tag lang war.
Reto war damals nur kurz zur Beerdigung seines Vaters erschienen, er ist schliesslich ein einflussreicher Geschäftsmann drüben in Zürich. Oder besser gesagt war. Nun lag er da, mit seinem massgeschneiderten Anzug im Kuhmist, die Schuhe und die Hose bis zu den Knien voller Dreck.
Wer könnte dem Reto etwas wollen? Bestimmt hatte er Feinde, im Geschäftsleben war das doch so, da klaute der Eine dem Anderen einen grossen Auftrag und dann – Päng! Genau, er musste nachsehen, ob der junge Hänni erschossen wurde. «Nicht berühren, Urs», hatte Polizist Bieri gesagt. Bieri hatte aber nichts mehr zu melden seit vor ein paar Jahren das Polizeirevier auf einen Mitarbeiter, Andreas Bieri, reduziert wurde. Er war nun mehr nur noch zuständig dafür, zu kontrollieren ob die Polizeistunde im Löwen eigehalten wurde und musste regelmässig die alte Kummer Lisbeth beruhigen, die immer wieder vergass, dass ihre Tochter das Vieh vor 8 Jahren, als Lisbeth’s Mann Sepp starb, verkauft hatte, und es als gestohlen meldete.
Jetzt würde also die Kantonspolizei kommen und die Leiche untersuchen. Er hatte ja schon immer gesagt, mit dem jungen Hänni stimme etwas nicht. Der war schon als Kind immer so still, auf dem Schulweg war er immer alleine gewesen und das eine oder andere mal hatte er gehört, wie der Kleine mit sich selbst geredet hatte. Jetzt war er um die 45 und hatte weder Frau noch Kinder. Ihn, Bauer Willener, wunderte das gar nicht. Einer der als Kind Selbstgespräche führt, findet als Erwachsener wohl auch nur schwer Anschluss.
Vielleicht hatte er was mit einer aus diesem Nachtclub von dem aus kürzlich eine Schlägerei gemeldet wurde. Am Stammtisch hatten sie davon erzählt, aber in der Zeitung stand am nächsten Tag nichts darüber. Überraschte ihn nicht im geringsten, diese linken Schreiberlinge wollten wohl wieder einen ihrer Jungpolitiker decken.
Wenn eine Frau im Spiel war, war es Mord aus Leidenschaft. Und wenn Frauen mordeten, taten sie das immer, indem sie ihre Männer vergifteten, das wusste er von Matula. Seine Frau kochte gut, da war er froh. Wenn er Abends nach dem Feierabendbier im Löwen nach Hause kam, erwartete er das Essen auf dem Tisch. Und er würde sofort merken, wenn es vergiftet wäre, da hatte er eine gute Nase, und das trotz der Pfeife, die er seit 40 Jahren rauchte.
Seine Frau meinte ja, der Reto Hänni sei vielleicht schwul gewesen. Der Junge vom Hänni Paul? Das konnte er sich nicht vorstellen. Ausserdem, was hätte er dann in einem Nachtclub gesucht? Er müsste Hänni umdrehen können, wenn er nämlich vergiftet worden wäre, hätte er Schaum vor dem Mund, auch das wusste er von Matula. Aber er durfte die Leiche nicht berühren, hatte Bieri gesagt. Aber der hatte ja eigentlich nichts mehr zu melden.
Das Auto stand immer noch am Strassenrand, er würde es ja wegfahren, aber auch das durfte er nicht berühren. Er musste aber natürlich nachsehen wer das überhaupt war und so hatte er einfach nur den Geldbeutel durch das offene Fenster vom Beifahrersitz genommen und nach einem Ausweis gesucht. Selbstverständlich hatte er seine Hände zuvor an der fast frischen Stallhose abgeputzt. Neben dem Geldbeutel und einem Telefon lagen auch noch Tabletten.
Seine Frau wollte ihm auch schon so ein Natel andrehen, damit sie ihn erreichen konnte, wenn er unterwegs war und sie ihm mitteilen wollte, dass sie vom Turnen nicht pünktlich zum Kochen zu Hause war. Aber das passte ihm gar nicht, wegen dem Getratsche der Frauen wollte er doch nicht hungern müssen. Er verdiente schliesslich hier die Brötchen.
Ob der junge Hänni Drogen nahm? Das sei doch gang und gäbe bei diesen Geschäftsherren, das hatte der Leuenberger Emil erzählt, der das von seinem Cousin aus Zug gehört hatte. Diese jungen Polizisten von der Kantonspolizei waren sicher froh, wenn er etwas Vorarbeit leisten und nachsehen würde, was das für Tabletten waren. «Strophantin» stand da, vielleicht eine Art Doping, wie es die Sportler nahmen. Diese Geschäftsmänner standen ja unter einem enormen Druck, gerade in solch schweren Zeiten. Da war es nicht weiter verwunderlich, wenn sie Tablettensüchtig wurden.
«Wir brauchen sie jetzt nicht mehr», hatte der junge Schnuderi, der kleinere der beiden Kantonspolizisten gesagt. Er wurde nach Hause geschickt. Er, der bereits die Leiche untersucht und das Auto inspiziert hatte. Er, auf dessen Weide der junge Hänni lag, ermordet, möglicherweise von einem seiner entlassenen Mitarbeiter. Er würde später seine Frau mit einer Kanne Kaffee Schnaps zur hinteren Matte schicken. Als diese mit der vollen Kanne zurückkam weil die beiden Polizisten wohl viel Papierkram zu erledigen hatten und der Polizeiwagen, das Auto von Hänni und Hänni selbst schon weg waren, musste er nun sofort zum Stammtisch, um von seinem erlebnisreichen Tag zu erzählen. Schliesslich kannte das ganze Dorf die Familie Hänni.
Pfarrer Bernhard war heute auch wieder einmal Gast im Löwen, das traf sich sehr gut, er würde ihm vom Mord an Hänni erzählen und der Pfarrer konnte am Sonntag in der Kirche wieder einmal sein Wort gegen diese blinde Gewalt richten. Als er durch die Türe trat, schaute der ganze Gasthof zu ihm und erwartete ihn bereits. Man hatte also schon davon gehört, nun würde er erzählen können, was er herausgefunden hatte.
Der Löwen-Wirt spendierte ihm ein Bier mit den Worten «Weil der arme René Hänni ausgerechnet auf deiner Kuhweide einen Herzinfarkt haben musste.»